Luxus auf der grünen Wiese – Der Arto 77 E im Praxistest

(Michael Kirchberger / Autoren-Union Mobilität) Premium war schon immer das Credo des Reisemobil-Herstellers Niesmann+Bischoff. Klar erkennbar an der kompakten Baureihe Arto – wenn bei einer Länge von 7,78 Meter noch von kompakt die Rede sein kann.

Der glattflächige Aufbau des Integrierten wird aus Aluminium-Bauteilen und GFK-Elementen zusammengesetzt und auf einen Fiat Ducato-Triebkopf gesetzt. Eine Fahrerhaustür gibt es nicht, der Eingang auf der rechten Seite wird über eine elektrisch ausfahrende Treppe erklommen. Auf Knopfdruck werden per Funksignal die massive Eingangstür und die Tür der gewaltigen Heckgarage gleichermaßen entsperrt – ein echter Komfortgewinn.

Im Innenraum trifft der Luxus-Camper auf eine gediegene und wohnliche Atmosphäre, Möbelfronten mit Eichen-Dekor, ein widerstandsfähiger, pflegeleichter Bodenbelag in Steingrau und glänzend weiße Klappen harmonieren mit den Polsterbezügen im Burberry-Design. Ein solides Geländer hilft beim Aufstieg, eine hübsche Spielerei ist die variabel mehrfarbige Beleuchtung des Griffs. Das E im Namen des Arto steht für Einzelbetten, die finden sich im Heck und sind jeweils 196 mal 64 Zentimeter groß. Hier geht es nochmals hoch hinauf, zwei weitere Stufen helfen dabei. Die Kleiderschränke sind unter den Fußenden der beiden auf Tellerfedern ruhenden Kaltschaum-Matratzen zu finden. Sie sind mit einem Rollo nach vorne und einem Deckel nach oben verschlossen, was das Verstauen der Garderobe wesentlich erleichtert.

Ins Schlafzimmer gelangt man durch das großzügige Raumbad. In Fahrtrichtung rechts versteckt sich die Kassettentoilette mit ihrer Keramikschüssel hinter einer soliden Tür, die entweder den Toilettenraum oder, nach dem Öffnen um 90 Grad, das gesamte Bad nach vorne verschließt. Gegenüber hat die Runddusche ihren Platz, eine Druckpumpe fördert einen kräftigen Strahl zum Brausekopf. Stauraum und Bewegungsfreiheit sind im Hygieneabteil mehr als üppig bemessen. Der weitere Gang nach vorne quert die Kombüse. Ihr links platzierter Küchenblock ist nicht wie üblich in L-förmig geschnitten sondern verzichtet auf den Ausleger, der meist den Durchgang zum Wohnzimmer behindert. Zwei Camper können hier gleichzeitig mühelos passieren. Das einzige Hindernis ist eine etwa drei Zentimeter hohe Stufe zwischen Küche und Bad, die uns ähnlich wie der Kopf des Tigerfells Freddy Finton als Butler James beim „Dinner for One“ auch in völlig nüchternem Zustand fast zur Verzweiflung gebracht hat. Cheerio Miss Sophie.

Die Ausstattung der Bordküche ist formidabel. Auf dem dreiflammigen Gasherd gibt ein solider Guss-Rost auch übergroßen Töpfen und Pfannen prächtig Halt, alles lässt sich einfach reinigen. Im Dachschrank hinter dem Herd wartet ein Kaffeeautomat auf seinen Einsatz, der vor Gebrauch einfach aus seiner Parkposition nach unten gezogen und nach vorne geklappt werden muss. Drei rollengelagerte Schubladen nehmen selbst umfangreiches Kochgeschirr und krisentaugliche Vorratsmengen auf. Sie lassen sich per Knopfdruck verriegeln, ein Warnton erklingt, wenn die Auszüge beim Einschalten der Zündung noch nicht gesperrt sind. Auf der gegenüberliegenden Seite ist der 142 Liter fassende Kühlschrank samt Frosterfach angeordnet, seine Tür mit automatischem Anschlagwechsel lässt sich in beide Richtungen öffnen. Darüber thront ein gasbetriebener Backofen mit 25 Liter Volumen.

Die Sitzgruppe verzichtet ebenfalls auf einen übergroßen Ausleger in Fahrtrichtung, sie bietet jedoch nur einen während der Fahrt zugelassenen Sitzplatz mit Sicherheitsgurt. Auf Wunsch baut Niesmann+Bischoff einen aufklappbaren Zusatzsitz in der Konsole der Zweiersitzbank auf der rechten Wagenseite ein. Für rund 1000 Euro Aufpreis wird das Reisemobil so familientauglich und verwöhnt dennoch mit dem Komfort der sogenannten „Face-to-Face“-Sitzgruppe um den verschiebbaren Rundtisch herum. Fahrer- und Beifahrersitze lassen sich drehen, sie werden zu gemütlichen Fernsehsesseln, wenn der 22 Zoll große Flachbildschirm am Tec-Tower an der Kühlschrank-Seitenwand in Betrieb genommen wird. Ihre Lehnen müssen allerdings flachgelegt werden, wenn das 191 mal 136 Zentimeter große Hubbett über ihnen genutzt werden soll.

Stauraum bietet der Arto im Überfluss. Nicht nur in der fahrradtauglichen Heckgarage kommt selbst umfangreichste Ausrüstung unter. Auch der fast 30 Zentimeter hohe und beheizte Doppelboden muss vor kaum einer Transportaufgabe kapitulieren. Konzentration ist während der Fahrt erforderlich. Zwar hilft eine Rückfahrkamera beim Rangieren, doch mit 2,32 Breite wird manch eine Landstraße bei Gegenverkehr ziemlich schmal. Sonst ist der Liner einfach zu bewegen, der 2,3-Liter-Turbodiesel des Ducato in seiner stärksten Leistungsstufe (178 PS/130 kW) kommt mit der Fahrzeugmasse mühelos klar. Die Automatik mit neun Stufen kostet zwar rund 3500 Euro Aufpreis, macht die Reisen aber komfortabel und entspannt. Der Verbrauch von 13,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer ist standesgemäß, immerhin gilt es, wenigstens 3650 Kilogramm zu bewegen.

Trotzdem hat Niesmann+Bischoff unseren Arto aufgelastet, von 4,5 auf 4,8 Tonnen. Eine notwendige Maßnahme, denn die Fahrt zu Waage bescheinigt dem 77 E mit mäßiger Beladung ein Gewicht von 4,31 Tonnen. Dies rührt von der umfangreichen Zusatz-Ausstattung her, allein für den Preis der Extras gibt es anderswo einen respektablen Teilintegrierten. Die potentesten Positionen sind das hydraulische Hubstützensystem, das den Wagen automatisch nivelliert für rund 6500 Euro, die elektrisch ausfahrende Fünfmeter-Markise mit dimmbarer LED-Beleuchtung für 2500 Euro, die Warmwasserheizung für 2800 Euro oder das Multimedia-Sysstem für 2500 Euro. Ein üppiger Posten ist außerdem das Lithium-Paket mit zwei 100-Watt-Solarmodulen und drei 100-Ah-Akkus für 8700 Euro, die für 230-Volt-Bordstrom sorgen und den Arto gut eine lang Woche autark machen.

Hätte man den Urvätern der Reisemobile gezeigt, was 100 Jahre später für Komfort und Behaglichkeit unterwegs sorgen kann, wären sie begeistert gewesen? Wir vermuten schon. Denn nahe an der Natur lässt es sich auch in einem Mobil vom Kaliber des Arto verweilen. Und da Niesmann+Bischoff nicht in erster Linie Einsteiger beim Caravaning im Auge hat, kommt dem einen oder anderen älteren Camper ein wenig mehr an Komfort durchaus entgegen.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Michael Kirchberger

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